Projekt: Selbstbau einer Rockerplate
Eine Rockerplate holt das dynamische Fahrgefühl von der Straße direkt auf deinen Indoortrainer. Sie nimmt dem Rahmen die starre Spannung und reduziert Sitzbeschwerden bei langen Einheiten dramatisch.
In dieser Anleitung zeige ich dir Schritt für Schritt, wie du eine robuste, funktionale Rockerplate selbst baust. Das Prinzip ist simpel: Zwei Holzplatten, dazwischen eine Rotationsachse (die das Kippen ermöglicht) und luftgefüllte Gummibälle, die als progressive Dämpfung dienen.
Benjamin aus Hamm hat uns seinen ausführlichen Erfahrungsbericht zu seinem Eigenbau zukommen lassen — ein schöner Motivationsschub zum selbst Hand anlegen: kompletter PDF-Download
1. Das Konstruktionsprinzip
Bevor wir in den Baumarkt fahren, ist es wichtig zu verstehen, warum die Rockerplate genau so aufgebaut ist, wie sie ist. Das Setup besteht aus drei Kernkomponenten:
- Boden- und Deckplatte: Das stabile Fundament.
- Die Rotationsachse: Ermöglicht das seitliche Kippen.
- Die Dämpfung: Kontrolliert die Bewegung und simuliert den Widerstand der Straße.
Die deutsche Übersetzung für Rockerplate ist „Wackelbrett” — aber das beschreibt die Funktion nur ungenau. Wackeln kann vieles. Die Rockerplate kippt entlang einer definierten Rotationsachse von links nach rechts und unterstützt damit aktiv die Bewegung im Wiegetritt. Fahrer, Rad und Trainer schwingen gleichmäßig mit — die Bälle federn die seitlichen Kippbewegungen sanft ab und unterstützen die Aufwärtsbewegung optimal.
Exkurs: Warum wir keine Stahlfedern oder Tennisbälle nutzen
In der Entwicklungsphase haben wir verschiedenste Materialien getestet.
Stahlfedern haben eine lineare Kennlinie — sie erzeugen sofort Gegendruck und schnellen hart zurück. Ein luftgefüllter Ball hingegen arbeitet progressiv: Er reagiert am Anfang weich auf kleine Bewegungen und wird härter, je weiter du dich in den Wiegetritt lehnst. Das kommt dem realen Fahren extrem nahe. Ein Anbieter, der auf dem Markt ausschließlich Stahlfedern nutzt, erzeugt ein viel härteres Fahrgefühl, da die Federn mit zu hoher Vorspannung eingebaut sind und der Aufwärtsbewegung zu viel Energie mitgeben.
Tennisbälle sind zu klein (zu wenig Volumen) und bieten keinen Einstellungsspielraum. Das kleine Volumen erzeugt ein unkontrollierbares „Dopsen”, und weil der Druck nicht regulierbar ist, kann das Gewicht des Schwungrads nicht ausgeglichen werden.
Schaumstoff / Isomatten unter dem Trainer dämpfen zwar minimal, aber je höher man stapelt, desto schwammiger und unkontrollierbarer wird das Fahrgefühl.
Deshalb nutzen wir 15–18 cm große, aufblasbare Gummibälle (Kinder- oder Gymnastikbälle). Sie bieten maximales Volumen für eine weiche Progression und lassen sich über den Luftdruck millimetergenau auf dich einstellen.
2. Material & Werkzeug
Die wichtigste Entscheidung vorab ist die Wahl des Holzes. Nimm kein OSB oder MDF — diese Materialien sind zu schwer, saugen sich bei Schweißbildung mit Feuchtigkeit voll und verformen sich unter Belastung.
Holz-Empfehlung:
- Bodenplatte: Siebdruck- oder Multiplexplatte, ca. 15 mm Stärke.
- Obere Platte (Deckplatte): Siebdruck- oder Multiplexplatte, ca. 18 mm Stärke (hier wird der Trainer verschraubt).
Hinweis: Das komplette Zubehörpaket von KellerSprinter ist nicht mehr erhältlich. Alle genannten Teile musst du dir selbstständig zusammensuchen — z. B. über eBay, Amazon oder den Fachhandel.
Detail-Liste: Mechanik, Schrauben, Puffer & Werkzeug
Mechanik & Dämpfung:
- 3× Gummipuffer / Schwingungsisolatoren (M8 Gewinde, ca. 50 mm Höhe, Härtegrad mittel / Shore 55). Diese bilden die zentrale Kippachse.
- 6× Senkkopfschrauben (M8 × 40 mm) zur Befestigung der Puffer.
- 2× Aufblasbare Gummibälle (15–18 cm Durchmesser). Geeignete Bälle findest du z. B. bei Betzold — ich habe selbst dort bestellt und die Qualität für sehr gut befunden.
- 2 oder mehr Klettverschlüsse (alternativ Kabelbinder) sowie Riemenkrampen, um die Klettbänder mit dem Board zu verbinden und den Trainer zu fixieren.
Benötigtes Werkzeug:
- Stichsäge oder Handkreissäge (alternativ: Zuschnitt im Baumarkt)
- Akkuschrauber mit Holzbohrern und einem Kegelsenker (wichtig!)
- Zollstock, Winkel, Bleistift
- Ein präzises Ball-Manometer (Standpumpen sind für die niedrigen Drücke zu ungenau)
- Befestigungsmaterial für deinen Trainer (Klemmschellen, Lochband, Unterlegscheiben, Spanngurte)
3. Der Zuschnitt und die Form
Kleine Plate schlägt große Plate. Baut euch keine große, durchgehende Rockerplate, wenn ihr nicht ein KickrBike, NeoBike oder ein anderes Smart-Bike darauf unterbringen möchtet — diese sind einfach zu träge. Mit einer kleinen Plate habt ihr viel bessere Kontrolle und eine dynamischere Bewegung (plus: weniger Holzkosten).
Eine gute Rockerplate stützt immer den Trainer und das Vorderrad ab. Wenn nur hinten gewackelt wird, entsteht ein unnatürliches Torsionsmoment im Rahmen, das auf Dauer den Steuersatz belastet.
Orientierung an der Trainergröße (Standfläche aufgeklappt):
| Marke | Modell | Breite × Länge |
| Tacx | Neo / Neo 2 / Neo 2T | 75 cm × 57,5 cm |
| Tacx | Flux | 65 cm × 67 cm |
| Wahoo | Kickr & Kickr Core | 72 cm × 54 cm |
| Elite | Suito | 67 cm × 59 cm |
| Elite | Drivo | 57 cm × 64 cm |
| Elite | Direto / DiretoX / XR | 65 cm × 84 cm |
| Saris / CycleOps | H2 & H3 & H4 | 79 cm × 50 cm |
Mit einer Breite von ca. 80 cm und einer Länge von 65 cm passt nahezu jeder moderne Direktantriebstrainer auf die Plate. Runde die Ecken um ca. 2–5 cm ab, damit du dir beim Auf- und Absteigen nicht die Knöchel verletzt.
Tipps zum Einmessen und zur Formgebung
- Grober Umriss: Stell dein komplettes Setup (Trainer + eingespanntes Fahrrad + Vorderradblock) auf einen großen Karton oder direkt auf das Holz.
- Abzeichnen: Zeichne die Standfüße des Trainers und den Vorderradblock großzügig nach. Lass an allen Seiten mindestens 5–10 cm Abstand, damit das Holz nicht ausreißt, wenn du später die Klemmschellen anschraubst.
- Die Achse finden: Markiere die exakte Mittelachse unter dem Fahrrad (direkt unter dem Unterrohr). Hier müssen später die Gummipuffer sitzen. Der wichtige Schwerpunkt des Fahrers liegt ungefähr bei 37,5 cm vom unteren Rand — dort kommt der mittlere Puffer hin, die anderen zwei je 16 cm vom oberen bzw. unteren Rand.
- Ballausschnitte: Für die Bälle siehst du einen Ausschnitt von ca. 8 cm Durchmesser vor — nur auf der oberen Platte. Das reicht aus, um bequem an das Ventil zu kommen, und verhindert gleichzeitig das Verrutschen der aufgeblasenen Bälle. Die horizontale Position orientiert sich ungefähr auf Höhe des Sattels (ca. 50 cm vom unteren Rand), seitlich ca. 20 cm vom Rand — das gibt einen etwas höheren Rotationsradius.
- Zuschnitt: Schneide beide Platten deckungsgleich aus. Ob du die Kanten eckig lässt oder abrundest, ist Optik und hat keinen Einfluss auf die Funktion.
4. Die Vorlagen zum Download
Vorlagen & Bauphasen
Zum Scrollen wischen/ziehen
- Vorlage „Universal” (80 × 65 cm): Download PDF
- Vorlage Tacx Neo Bike T8000: Download PDF
- Vorlage XL für Kickr Bike / Kickr Shift / Zwift Ride: Download PDF
5. Die Montage der Achse
Wenn die Platten zugeschnitten sind, geht es an die Mechanik. Die drei Gummipuffer bilden das Rückgrat der Rockerplate.
- Bohrlöcher markieren: Einen Puffer weit nach vorne, einen in die Mitte (unter das Tretlager/Schwerpunkt des Fahrers) und einen nach hinten (unter den Trainer) — exakt auf der Mittelachse.
- Bohren und Senken: Bohre die Löcher durch beide Platten. Extrem wichtig: Senke die Löcher auf den Außenseiten der Platten mit einem Kegelsenker tief genug an. Die Köpfe der Senkkopfschrauben müssen komplett im Holz verschwinden — stehen sie über, zerkratzen sie deinen Fußboden oder beschädigen den Trainer.
- Verschrauben: Verbinde die Puffer erst fest mit der Bodenplatte, lege dann die Deckplatte auf und verschraube diese von oben.
Alternative: Starre Wellen / Scharniere statt Gummipuffer
Für 90 % der Fahrer sind die Gummipuffer als Achse die beste Lösung: günstig, leicht zu montieren und absolut geräuschlos.
Der einzige Nachteil: Gummipuffer lassen konstruktionsbedingt nicht nur seitliches Kippen zu, sondern auch eine minimale Vor-Zurück-Bewegung (Pitch) und ein leichtes seitliches Verschieben (Yaw). Manche Fahrer stört dieses minimal „schwammige” Gefühl.
Wer eine absolut spielfreie, rein auf die Roll-Achse (links/rechts) limitierte Bewegung will, muss Scharniere, Stehlager oder eine durchgehende Stahlwelle verbauen. Das erfordert jedoch deutlich mehr handwerkliches Geschick, absolut paralleles Ausrichten beim Anschrauben und neigt auf Dauer oft zum Knarzen.
6. Setup: Asymmetrie und der perfekte Luftdruck
Jetzt kommt das Herzstück: die Bälle. Sie werden links und rechts zwischen die Platten geklemmt. Positioniere sie genau auf Höhe des Schwungrads deines Trainers — nicht in der geometrischen Mitte der Platte!
Das Schwungrad-Problem (Asymmetrische Last)
Ein Smarttrainer (z. B. Wahoo Kickr) ist massiv asymmetrisch. Das schwere Schwungrad hängt weit auf einer Seite. Dadurch wird die Rockerplate ohne Fahrer immer leicht zu einer Seite hängen. Das ist völlig normal und wird durch unterschiedlichen Luftdruck ausgeglichen:
- Schwerer Ball (auf der Seite des Schwungrads): trägt das Hauptgewicht, bekommt mehr Druck — starte bei ca. 0,15–0,2 bar.
- Leichter Ball (Gegenseite): stabilisiert nur die Rückbewegung — ca. 0,08–0,1 bar.
Einen universellen Druck, der für jeden Fahrer optimal ist, gibt es nicht. Das weitverbreitete Ammenmärchen, dass der Luftdruck vom Fahrergewicht abhänge, ist falsch — entscheidend ist die Core-Stabilität.
Ungefährer Luftdruck im rechten Ball (gegenüber dem Schwungrad) vs. km-Fahrleistung im Jahr.
Feintuning: Welcher Druck ist der richtige?
- Für Anfänger / Wenigfahrer: Starte mit mehr Druck (ca. 0,2 bar auf der schweren Seite). Die Plate bewegt sich träger, der Widerstand ist höher und vermittelt mehr Sicherheit.
- Für Leistungsfahrer: Reduziere den Druck schrittweise. Weniger Druck = mehr Agilität = mehr Ausgleichsarbeit für die Rumpfmuskulatur = echteres Fahrgefühl im Wiegetritt. Je höher die Jahres-km-Leistung (und/oder gezieltes Core-Training), desto tiefer kannst du den Druck bis knapp unter 0,1 bar senken.
- Wichtig: Ein Druckunterschied von 0,02 bar macht bei diesen großen Bällen bereits einen enormen Unterschied im Fahrgefühl. Nutze ein präzises Ball-Manometer — Standpumpen-Manometer sind für diese niedrigen Drücke zu ungenau.
- Gegengewicht: Solltest du trotz austariertem Luftdruck eine dauerhafte Linkslastigkeit feststellen, empfiehlt es sich, auf der rechten Seite (neben dem Trainerbein) ein Gewicht von ca. 5 kg (z. B. eine Hantelscheibe) zu platzieren. Das gleicht das Schwungrad effektiver aus als allein ein höherer Luftdruck und schont gleichzeitig den linken Ball.
Beachte: Ball-Manometer verschiedener Hersteller sind nicht herstellerübergreifend geeicht — es kann zu Abweichungen kommen. Bleib deshalb beim selben Manometer für alle Einstellungen.
7. Trainer befestigen und Vorderrad ausgleichen
Platziere deinen Trainer auf der Deckplatte, richte dabei das Rad (nicht den Trainer!) gerade und mittig auf der Rotationsachse aus. Markiere die Stellen, an denen du den Trainer fixieren willst, und verschraube Riemenkrampen oder schneide Schlitze für Klettbänder ein.
Sicherung immer doppelt: Fixiere den Trainer zusätzlich mit starken Spanngurten — das ist Pflicht.
Vorderraderhöhung: Durch die Gummipuffer (50 mm) plus Bodenplatte (15 mm) steht dein gesamter Trainer ca. 6,5 cm höher als vorher. Das Vorderrad muss entsprechend angeglichen werden, sonst fährst du permanent bergab.
Am einfachsten baust du ein kleines Holzpodest — unten 15 mm Multiplex, oben 18 mm Multiplex, dazwischen ein ca. 5 cm hoher Holzblock (z. B. aus Vierkantholz). Für Zubehör wie den Elite Sterzo (34,5 × 28,5 cm) muss die Fläche entsprechend großzügiger ausfallen; für reines Vorderrad reichen schon 20 × 20 cm.
Wenn alles sitzt und der Druck stimmt: Ride On! 🚴
Zeig uns deine fertige Plate — per Mail an info@kellersprinter.de oder auf Instagram @kellersprinter / #kellersprinter. Wir freuen uns über jeden Eigenbau.
Die hier erstellten Skizzen sind beispielhaft und stehen jedem zur freien Nutzung für den privaten Selbstbau zur Verfügung. Eine Verwendung zu gewerblichen Zwecken ist untersagt. Wenn du deine Plate auf Social Media postest, freuen wir uns über eine Quellenangabe — danke!
Haftungsausschluss
Diese Anleitung ist ein reiner Erfahrungsbericht. Der Nachbau und die Nutzung der hier beschriebenen Konstruktion erfolgen ausdrücklich auf eigene Gefahr. Ich übernehme keine Haftung für Sach- oder Personenschäden. Prüfe alle Schrauben regelmäßig auf festen Sitz und sichere Trainer und Rad stets zusätzlich mit Spanngurten.
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